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Feb 10

Medizin hat etwas mit Menschen zu tun

Quelle: Stephan Giesers – Wilhelmshavener Zeitung vom 05.02.2010

WZ-STAMMTISCH Diskussion über Methadonversorgung – Fortbildung im Mai

Die Kassenärztliche Vereinigung will die Methadonvergabe auf mehr Schultern verteilen. Bislang fehlt es aber an Ärzten, die Suchtkranke mit dem Ersatzmedikament versorgen wollen.

Der Oberbürgermeister will es. Der Sozialdezernent und die Kassenärztliche Vereinigung (KV) wollen es auch. Wenn es um die bedarfsorientierte Versorgung Heroinabhängiger mit dem Ersatzmedikament Methadon geht (Substitution genannt), wird längst nicht mehr über die Notwendigkeit gestritten.

Gestritten wird über Konzepte – und ums Geld. Das wurde während des “WZ-Stammtisches” zu diesem Thema am Mittwoch deutlich, der von der “Wilhelmshavener Zeitung” und der Bürgerinitiative für die Sicherstellung der Versorgung von Drogenkranken initiiert wurde. Das Problem: Der Bedarf ist da, die Zahl substituierender Mediziner aber immer noch viel zu klein. “Wir brauchen Ärzte”, brachte es KV-Geschäftsführer Helmut Scherbeitz auf den Punkt und rief alle Mediziner dazu auf, sich an der Versorgung zu beteiligen. Im Mai soll die nächste suchtmedizinische Fortbildung beginnen, die 50 Stunden dauert. Anschließend könnten die Teilnehmer Heroinabhängige substituieren.

Nicht nur Hausärzte sieht Scherbeitz in der Pflicht. Mediziner der Krankenhäuser könnten teilweise die Substitution mit übernehmen. Selbst Ärzte im Ruhestand kämen in Frage. Ein erfahrener Substitutionsarzt könnte später die Federführung in einer zentralen Vergabestelle übernehmen. Gleichzeitig versprach Scherbeitz, sich für bessere Arbeitsbedingungen stark zu machen. Immer noch geht es um die Frage nach finanzierbaren Räumen für eine zentrale Vergabe.

“Medizin hat mit Menschen zu tun”, betone Johann Janssen, Ratsherr der Linken und Mitglied der Bürgerinitiative. Er appellierte an das Gewissen der Ärzte. Es dürfe nicht alleine um finanzielle Aspekte gehen. Janssen hat als Hausarzt viele Jahre Suchtkranke in Wilhelmshaven substituiert und wehrt sich gegen Vorurteile: “Unsere Erfahrungen waren sehr positiv, da gab es keine Probleme.”
Dass die Substitution in Wilhelmshaven schon lange ein Thema ist, weiß René Grotzeck, Leiter der Fachstelle Sucht der Diakonie: Zwar sei die Wilhelmshavener Drogenszene im Vergleich zu früher wesentlich kleiner, das Problem bestehe aber nach wie vor. Rund 0,5 Prozent der Bevölkerung seien statistisch gesehen abhängig von harten Drogen wie Heroin. In Wilhelmshaven wären das demnach 400 Menschen. “Im Vergleich zur Anzahl Alkoholabhängiger allerdings eine kleine Gruppe”, gab Grotzeck zu bedenken.
“Die Kommune hat großes Interesse an einer Lösung”, sagte Ursula Aljets (SPD), Vorsitzende des Sozialaussschusses der Stadt. Zuletzt hatte die Kommune einen Raum für die Ausgabe im alten Recyclinghof kostenlos zur Verfügung gestellt. Dieser sei aber kaum geeignet gewesen. Aljets: “Für den Zustand des Raumes habe ich mich schon geschämt.”

Fakt ist: Seit Sonntag bekommen die Wilhelmshavener Suchtpatienten der Hausärzte Valentina Gradwohl und Matthias Abelmann ihr Ersatzmedikament nur noch als “Take-Home” verordnet. Einmal in der Woche holen sie ihre Wochenration Methadon ab. Einnehmen müssen sie es zu Hause und nicht mehr im Beisein des Arztes. Damit reagierten die beiden Hausärzte auf die große Arbeitsbelastung. “Ich befürchte, dass es einige Patienten langfristig nicht durchhalten werden”, so Abelmann. Insgesamt sind akut 90 Suchtpatienten betroffen – schätzungsweise 200 Abhängige müssen eigentlich versorgt werden. Abelmann hatte eine Schwerpunktpraxis bevorzugt – finanziert von der KV. Doch dieses Modell scheiterte bislang am Geld. Abelmann hätte die Kosten langfristig selbst tragen müssen. “Unmöglich”, sagt er. “Als Arzt bin ich auch ein Unternehmer, der sein Personal und die Sachkosten bezahlen muss.”

KV-Geschäftsführer Helmut Scherbeitz sieht wenig Spielraum und nur die Möglichkeit für eine Starthilfe: “Wir können uns nicht über die bestehende Gebührenordnung hinwegsetzen.” Er räumte aber ein, dass die Vergütung für die Methadonvergabe prinzipiell auf die Substitution innerhalb einer Arztpraxis ausgerichtet sei und nicht die Kosten zusätzlicher Räume berücksichtige.
Die Stadt Wilhelmshaven könne sich an den Kosten nicht beteiligen, sagte der Erste Stadtrat und Sozialdezernent, Jens Stoffers. Er verwies auf die schlechte Haushaltslage: “Die Kommunen können nicht immer Lückenbüßer des sozialen Systems sein.” Die Stadt hat sich aber bereit erklärt, sich mit Amtsärzten zumindest zeitweise an der Substitution zu beteiligen.

Ein weiteres Problem: Suchtmediziner begeben sich in ein gesellschaftliches Spannungsfeld – Konflikte mit der Justiz nicht ausgeschlossen. Strenge Vorschriften, schriftliche Dokumentationen – mit der Wirklichkeit in den Arztpraxen seien diese Regelungen kaum vereinbar, so Abelmann. Dies sei ein Grund für die mangelnde Bereitschaft in der Ärzteschaft, sich an der Substitution zu beteiligen. Der Gesetzgeber müsse dringend nachbessern. Doch so lange können die Betroffenen sicherlich nicht warten.


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